Leuchtturm / DFB-Stiftung Egidius Braun
Der Mann der dritten Säule
Seit dem Sommer 1986 ist der Fußball also mehr als ein 1:0. Gäbe es andere Anlässe, um den Beginn nachhaltigen Denkens im Fußball zu markieren? Geschenkt. Doch als Egidius Braun überraschte Nationalspieler auf einen Besuch des damaligen Waisenheims Casa de Cuna im mexikanischen Querétaro mitnahm, war der Gedanke in der Welt. Die dritte Säule stützt das Dach des DFB bis heute. Egidius Braun selbst wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.
Weil es an Matratzen mangelte, waren die jüngsten Waisenkinder in Apfelsinnenkisten gebettet. So berichteten es jedenfalls einige der Nationalspieler, die Egidius Braun – damals noch nicht DFB-Präsident, dafür bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 als Schatzmeister Leiter der DFB-Delegation – beim Besuch der »Casa de Cuna« begleiteten. Harald »Toni« Schumacher war einer davon. Die Ordensschwester Madre Adela hatte in den Tagen zuvor beim nahegelegenen deutschen Quartier angeklopft und sich couragiert und entschlossen bis zu Braun durchgekämpft. Der trommelte die Spieler und Teamchef Franz Beckenbauer zusammen, Rudi Völler spendete angesichts der Not die ersten 5.000 D-Mark. Der Funke erlosch nie mehr. Auch wenn es noch etwas dauerte, bis die »Mexico-Hilfe« einen festen Rahmen bekommen sollte. Mit der 2001 errichteten DFB-Stiftung Egidius Braun standen die Rahmenbedingungen dann endgültig.
Der heutige Direktor des Deutschen Fußballmuseums, Manuel Neukirchner, begann seine DFB-Laufbahn als Referent Brauns. »Es war nicht immer einfach. Man muss wissen, wenn Brauns Dienstwagen in Aachen losfuhr, brach eine gewisse Unruhe am DFB-Sitz in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt aus«, berichtet Neukirchner augenzwinkernd. Aufgrund seiner klaren Haltung bei sozialen oder karitativen Projekten nannten die schreibenden Journalisten den DFB-Präsidenten irgendwann »Pater Braun«. Nicht immer war er sanftmütig. Neukirchner erinnert: »Er leitete den DFB, war UEFA-Vizepräsident und saß im FIFA-Exekutivkomitee. Das machen Sie nur mit Manager-Qualitäten.« Horst R. Schmidt, der Brauns Präsidentschaft als DFB-Generalsekretär flankierte, beschrieb es einmal so: »Jeder, der ihn näher kannte, wusste, dass der Mann, wenn es drauf ankam, sehr klar agierte und formulierte. Egidius Braun war jetzt niemand, mit dem man spielen konnte.«
In Breinig bei Aachen am 27. Februar 1925 geboren, begann er nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft Jura und Philosophie zu studieren. Mit dem Unternehmen »Kartoffel-Braun« machte er sich selbstständig. Parallel engagierte er sich bei seinem Heimatverein, dem SV Breinig, später im Landesverband. 1973 wählte man ihn zum Präsidenten des Fußball-Verbandes Mittelrhein. 1977 wurde er DFB-Schatzmeister und blieb es 15 Jahre lang. Bis heute ein Rekord. Brauns Charakter, seine Haltung und seine Klarheit halfen auch in Mexiko. Wer heute durch das Land reist und die aus Deutschland unterstützten Projekte besucht, bekommt einen Eindruck von der Qualität der Hilfe. Das mittelamerikanische Land leidet unter einer furchteinflößenden Drogenkriminalität. Mehr als 30.000 Tote werden alljährlich als Folge des Drogenkriegs erfasst. Auf der Liste der zehn gefährlichsten Städte der Welt stehen sieben mexikanische Metropolen. Für den Erwerb eines standardisierten Warenkorbs musste man 1987 vier Stunden arbeiten. Heute sind es 23 Stunden.
Doch egal, welches Projekt der »Mexico-Hilfe« man ansteuert, ob die Casa de Cuna in Querétaro oder die Einrichtungen der FAE-Foundation an der riesigen Müllkippe in Mexiko-Stadt, es sind Hoffnungsorte mitten im Elend des mexikanischen Alltags. Die Kinder bekommen ein anständiges Mittagessen, tragen Schuluniform, auch Computer stehen zur Verfügung, und das für den Nachwuchs der Ärmsten im Land.
»Egidius Braun wird geachtet und geliebt«
Wolfgang Watzke war hauptamtlicher Jugendreferent im Fußball-Verband Mittelrhein, bevor ihn Egidius Braun bat, die Geschäftsführung der Stiftung zu übernehmen. Der heute 72-jährige Watzke erinnert sich: »Auf unserem Verbandstag am 5. Juli 1986 hielt Braun eben nicht die übliche Grundsatzrede. Er berichtete von seinen Eindrücken aus Mexiko. Das hat alle sehr beeindruckt.« In Brauns Rede wurden Richtlinien formuliert, die damals völlig neu für den DFB waren: die Offenheit für Fans, das Herz für Kinder weltweit, die gesellschaftliche Verantwortung des DFB. Dabei war Braun sich nicht zu schade, selbst mit der Spendenbüchse zu klappern, wie Watzke sich erinnert: »Er forderte die Vereine am Mittelrhein auf, zehn Mark für die ›Mexico-Hilfe‹ zu spenden.«
Als er 2001 aus gesundheitlichen Gründen den Ansprüchen des Amtes als DFB-Präsident nicht mehr gerecht werden konnte und zurücktrat, verlieh ihm Bundespräsident Johannes Rau das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband und sagte: »Egidius Braun wird nicht nur geachtet, er wird auch geliebt, und das ist bei sogenannten Funktionären selten.« Im Alter von 97 Jahren verstarb Braun am 16. März 2022 und in einem Nachruf hieß es: »Er brachte eine menschliche Note in den Verband. Was heute als ›Corporate Social Responsibility‹ Standard der Klubs und Verbände ist, hat er in die Wege geleitet.« Bild bilanzierte: »Er führte den DFB mit Humor, Herzlichkeit und – wenn es sein musste – mit Härte.«
Entwicklung der Fußball-Stiftungen positiv
Heute wirken insbesondere die DFB-Stiftungen im Sinne Brauns. Bundesweit sind darüber hinaus mehr als drei Dutzend weitere Stiftungen von Fußballverbänden, -vereinen und Einzelsportlern für gesellschaftliche und soziale Fragen im Einsatz. »Mit der Errichtung von Stiftungen bekennen sich Fußballakteure zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und senden ein besonders starkes Signal, denn Stiftungen des bürgerlichen Rechts gelten für die Ewigkeit«, erklärt Tobias Wrzesinski, der Geschäftsführer der DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger. »Der DFB war hier 1977 zusammen mit den Eheleuten Herberger Pionier. Heute sind Fußball-Stiftungen auf vielfältige Weise operativ und fördernd engagiert, bemühen sich um Integration, Inklusion, Bildung, Kultur und den Breitenfußball. Das Themenspektrum ist so breit, wie es die gesellschaftlichen Herausforderungen sind, die uns derzeit begegnen«, so Wrzesinski weiter.
In den DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger werden heute neben den eigenen Projekten und Programmen insgesamt sieben Treuhandstiftungen sowie der Fonds der DFB-Eliteschiedsrichterinnen und -schiedsrichter verwaltet. In der Sepp-Herberger-Stiftung sind die Stiftung des Badischen Fußballverbandes (bfv-Stiftung) sowie die Dr. Markus und Sabine Merk-Stiftung die verwalteten Einrichtungen. In der DFB-Stiftung Egidius Braun sind es die Stiftung der Nationalmannschaft, die Daniel-Nivel-Stiftung, die träumenlohntsich-Stiftung von Nationalspieler Robin Gosens, die nowfoundation von Oliver und Klara Bierhoff sowie die Glaub an dich-Stiftung von Nationalmannschaftskapitän Joshua Kimmich und seiner Frau Lina.
»Der Fußball lebt vom ›Doppelpass‹, das gilt auch im Bereich des gesellschaftlichen Engagements. Es freut uns, wenn wir im Rahmen unserer Möglichkeiten beim stifterischen Wirken helfen dürfen. Das Vertrauen wissen wir sehr zu schätzen.«
Stiftungsgeschäftsführer Tobias Wrzesinski
»Der Fußball lebt vom ›Doppelpass‹, das gilt auch im Bereich des gesellschaftlichen Engagements. Es freut uns, wenn wir im Rahmen unserer Möglichkeiten beim stifterischen Wirken helfen dürfen. Das dabei jeweils in uns gesetzte Vertrauen wissen wir sehr zu schätzen«, sagt Tobias Wrzesinski. Die Portfolios der Treuhandstiftungen sind vielfältig. Neben Schwimmkursen und der Förderung von Bildungsprojekten geht es beispielsweise auch um Gewaltprävention, die Durchführung eines Leichtathletikfestes sowie die Hilfe für Menschen in Not, beispielsweise für Kinder und Jugendliche in speziellen Schutzeinrichtungen«, beschreibt Wrzesinski. »Die Verwaltung übernehmen wir unentgeltlich. Wir können einzelne unserer Prozesse skalieren und freuen uns, wenn wir zusammen noch mehr erreichen können«, so der 41-jährige Diplom-Betriebswirt, der seit 2009 bei den Stiftungen tätig ist.
»Egidius Braun wäre sehr zufrieden«
Zurück zu Egidius Braun und den WM-Sommer 1986. Verglichen mit den heutigen Standards, nach denen Firmen und Verbände ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit quantifizierbar berichten müssen, mutet der damalige Moment in Mexiko unendlich vergangen an. Eine couragierte Ordensschwester, ein künftiger Weltklassestürmer mit Geberqualitäten und ein visionärer Delegationsleiter bewirkten den Wandel. Offline und ohne Gremien. Dabei passte der damalige Aufbruch des Fußballs in die Nachhaltigkeit schon zum Zeitgeist der Achtzigerjahre. Das Ozonloch, das Waldsterben und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hatten bei vielen die Überzeugung reifen lassen, dass wir nachhaltiger mit uns und dem Planeten umgehen müssten.
»Der Fußball steht heute stärker noch unter kommerziellen Zwängen. Dabei stellt sich der DFB uneingeschränkt seiner sozialen Verantwortung. Der Kurs wurde unter Bernd Neuendorfs Leitung noch mal weiterentwickelt und neue Kräfte, etwa auch das Deutsche Fußballmuseum, sind gewinnbringend dazu gekommen. Ich bin mir sicher«, sagt sein ehemaliger Referent Manuel Neukirchner, »Egidius Braun würde heute sagen, dass er mit seinem Erbe im DFB sehr, sehr zufrieden ist.« Denn Fußball war, ist und bleibt mehr als ein 1:0. Alles Gute zum 100. Geburtstag, Egidius Braun. Sie bleiben unvergessen.
Übersicht über die verwalteten Treuhandstiftungen
o Dr. Markus und Sabine Merk-Stiftung
o bfv-Stiftung
o Stiftung der Nationalmannschaft
o nowfoundation
o Daniel-Nivel-Stiftung
o Glaub an dich-Stiftung
o träumenlohntsich-Stiftung
o Fonds der DFB-Eliteschiedsrichterinnen und -schiedsrichter