Leuchtturm / DFB-Stiftung Sepp Herberger

Das Wunder von Bern

»Mich beeindruckt an der Geschichte, dass unsere Mannschaft praktisch aus dem Nichts, einfach nur mit Glauben und Überzeugung, etwas Großes erreicht hat.«

Jule Demlang (17 Jahre)

 

Manchmal reicht das Nennen weniger Örtlichkeiten, um im Kopf ganz viel auszulösen. Bern, Spiez, Wankdorf – und schon macht es klick und vor dem geistigen Auge tauchen Bilder auf. Es sind die Bilder der regennassen, glückseligen Männer um Bundestrainer Sepp Herberger, die 1954 in der Schweiz das Finale der Weltmeisterschaft gewannen und damit das schafften, was längst im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation als das »Wunder von Bern« eingebrannt ist. Zum 70-jährigen Jubiläum reiste eine DFB-Delegation an die Orte des Geschehens.

 

Für Jule Demlang und neun weitere Jugendspielerinnen und Jugendspieler haben die allseits bekannten Schwarz-Weiß-Bilder der Helden von einst, die zum Gründungsmythos der Bundesrepublik zählen, nun farbige Pendants der Gegenwart erhalten. Die jungen Fußballerinnen und Fußballer waren Teil einer DFB-Delegation, die 70 Jahre nach dem ersten deutschen WM-Titelgewinn in das Nachbarland im Süden reiste – genauer in die Ortschaft Spiez und zum Schauplatz des legendären WM­Finales von 1954, nach Bern. »Es war super krass, da gewesen zu sein«, berichtet die 17-Jährige, die in der Frauenmannschaft des MTV Barum Fußball spielt.

 

Die Erinnerung an die Geschichte der ersten Weltmeister-Mannschaft ist hellwach

Viel jugendlicher, aber auch viel treffender hätte man die Emotionen kaum schildern können, die diese Fahrt auf den Spuren der längst vergangenen Ereignisse auslöste. Die Ereignisse von 1954 bewegen also immer noch und die Erinnerung ist hellwach, selbst nach sieben Jahrzehnten. Daran lässt auch Henri Fabri, ein 15-jähriger Hamburger Nachwuchs-Schiedsrichter, keinen Zweifel: »Ich bin jetzt so alt, wie mein Opa war, als er das Endspiel gegen die Ungarn vor dem Fernseher verfolgt hat. Er hat mir immer davon erzählt«, schildert der Teilnehmer.

 

Am 4. Juli 1954 hatte sich die deutsche Mannschaft im Stadion Wankdorf in Bern mit 3:2 gegen die Ungarn um ihren Kapitän Ferenc Puskás und den legendären Nándor Hidegkuti durchgesetzt. Als leuchtendes Wunder galt dies, weil dieser Kontrahent zuvor als schier unbezwingbar galt. Anlässlich des 70. Jubiläums kehrte die Delegation um DFB-Präsident Bernd Neuendorf zurück an den Ort des unerwarteten Triumphes – um Geschichte noch einmal zu spüren und um die Geschichte einer jungen Generation weiterzuvermitteln.

 

Das positive Auftreten der Herberger-Elf entfaltete Wirkung

Jule Demlang war neun Jahre alt, als sie sich für eine Rolle im Musical »Das Wunder von Bern« bewarb und im Casting überzeugte. »Ich war schon immer fußballverrückt«, sagt sie. »Mich beeindruckt an der Geschichte, dass unsere Mannschaft praktisch aus dem Nichts, einfach nur mit Glauben und Überzeugung, etwas Großes erreicht hat. Und dass die Mannschaft mit ihrer Leistung wieder für mehr Zusammenhalt gesorgt hat.« Tatsächlich ist unbestritten, dass sich die Nation hinter dieser Mannschaft, ihrem Trainer und diesem Erfolg versammelte. Offenbar entfaltete das positive Auftreten der Herberger-Elf aber auch andernorts Wirkung. »Uns erzählten Leute, die damals schon lebten, vom Finaltag, unter anderem ein Balljunge. Mich hat beeindruckt, wie sehr die Weltmeisterschaft damals auch die Schweizer bewegt hat«, berichtet Henri.

 

Im Hotel Belvédère in Spiez, dort wo einst Sepp Herberger und die Mannschaft eingezogen waren, nächtigten auch Henri, Jule und die Delegation rund um Bernd Neuendorf. Begleitet wurde der DFB-Präsident unter anderem von DFB-Vizepräsident Ralph-Uwe Schaffert, Schatzmeister Stephan Grunwald und Herbergers Urgroßneffen Michael Herberger. Auch der Vorsitzende der Fritz-Walter-Stiftung, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer, zählte zu den Mitgliedern der Gruppe, die neben dem Hotel auch das Stadion Wankdorf in Bern besuchte. Hinzukamen zwei Vertreter des ungarischen Fußballverbandes.

 

Aus Gegnern wurden Freunde

»Die damaligen Gegner um ihre Kapitäne Fritz Walter und Ferenc Puskás wurden später zu Freunden. Das setzt sich mit unserem gemeinsamen Besuch hier fort«, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Im Hotel ist der »Geist von Spiez« spürbar. Erinnerungsstücke halten das Ereignis lebendig, eine Stele im Park erinnert an die prominenten Gäste ebenso wie Holzfiguren am nahen Seeweg, der Spiez mit Faulensee verbindet.

 

»Wir wurden in Bern von den Vertretern der Young Boys sehr freundschaftlich empfangen«, erklärt Ralph-Uwe Schaffert, der Vorsitzende des Vorstands der DFB-Stiftung Sepp Herberger. Höhepunkt des Besuchs war die Begegnung mit Vereinsikone Heinz »Hene« Minder im YB-Museum. Der 80-Jährige war im WM-Finale 1954 als Balljunge aktiv und berichtete den Gästen aus Deutschland und Ungarn darüber.

 

»Die Aufnahme des Herberger-Nachlasses in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes ist eine große Ehre und freut uns alle sehr. Es ist gut, den Nachlass auf diese Weise für kommende Generationen zu sichern.«

DFB-Präsident Bernd Neuendorf

 

Zeitzeugen schilderten ihre Eindrücke

Mit dem Bericht weiterer Zeitzeugen sowie dem aus Deutschland mitgebrachten WM-Pokal, dem Endspiel-Wimpel und der WM-Medaille wurde die Geschichte des »Wunders von Bern« lebendig. Gerade für die jungen Mitreisenden, die aus den Reihen der U-16-Nationalmannschaften der Junioren und Juniorinnen sowie aus Breitenfußballvereinen eingeladen worden waren. »Das, was sie jetzt erlebt und erfahren haben, trägt maßgeblich dazu bei, dass das ›Wunder von Bern‹ auch in den Köpfen und Herzen junger Menschen lebendig bleibt«, zeigte sich Bernd Neuendorf überzeugt.

 

Nach den Vorträgen saß man dann zusammen, wie 1954 in Deutschland so viele, und hörte sich die Spielbeschreibung von Reporter Herbert Zimmermann an: »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, TooorTooorTooor«. Auch diese wenigen Worte genügen, um im Kopf ganz viel auszulösen.

 

Sepp Herbergers Nachlass ist nationales Kulturgut

Der Nachlass des langjährigen Bundestrainers Sepp Herberger (1897-1977), der die deutsche Männer-Nationalmannschaft 1954 zum ersten WM-Titelgewinn führte, ist in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes eingetragen worden. Herbergers Nachlass, der sich im Eigentum der DFB-Stiftung Sepp Herberger befindet, ist der erste Fußball-Nachlass, der in das Verzeichnis aufgenommen wurde.

»Die Aufnahme des Herberger-Nachlasses in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes ist eine große Ehre und freut uns alle sehr. Es ist gut, den Nachlass auf diese Weise für kommende Generationen zu sichern«, hebt DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der Vorsitzende des Kuratoriums der DFB-Stiftung Sepp Herberger, hervor.­

Zwei Menschen mit ganz besonderer Perspektive auf das Finale in Bern

Louis Klamroth und Heinz »Hene« Minder haben eine ganz besondere Beziehung zu den Ereignissen bei der WM 1954. Dabei ist ihre Perspektive sehr unterschiedlich. Der heutige Fernsehmoderator Klamroth, Jahrgang 1989, spielte in Sönke Wortmanns Film »Das Wunder von Bern« im Jahr 2003 »Mattes«, den fußballbegeisterten Sohn eines Bergmanns, der zum Finale reist. Heinz Minder verfolgte im Alter von elf Jahren als Balljunge im Stadion das Geschehen aus nächster Nähe. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums berichteten sie im Podcast »Mehr als ein Spiel« der DFB-Stiftungen von ihrer Perspektive auf den ersten Titelgewinn der deutschen Mannschaft und dessen Folgen für den Sport und die junge Republik.

 

Das sagen die beiden …

… über ihre Beziehung zum Finale von 1954:

Heinz Minder: Es war eine Riesenüberraschung, als ich als Balljunge dort hingehen konnte. Mein Vater hat die Schiedsrichter in Bern betreut. Es war eine großartige Atmosphäre. Solche Zuschauerzahlen waren wir bei Meisterschaftsspielen nicht gewohnt. Ich kann noch alles genau erklären, wie das Finale begonnen hat, wo ich beim Einmarsch der Mannschaften gesessen habe. Es war ein Erlebnis sondergleichen, das ich nie vergessen werde.

 

Louis Klamroth: Ich hatte vor dem Film gar keine Ahnung. Das Drehbuch mit vielen historischen Informationen bildete dann eine gute Grundlage. Für den Film wurde das Stadion auf einem Feld nachgebaut und sobald man auf dem Rasen stand – mit den Trikots und mit dem schweren Lederball – hat man die Atmosphäre von damals gespürt und versucht, es gut darzustellen.

 

… über die Auswirkungen des Spiels auf Deutschland:

Klamroth: Es war eine spannende Zeit. Der Titelgewinn hat ein kollektives Aufatmen in Deutschland bewirkt, einen Moment des Stolzes, des gemeinsamen Freuens. Und es gab damals nicht ganz so viel in Deutschland, worauf man stolz sein konnte.

 

Minder: Im Nachhinein kann man das beantworten. Aber als elfjähriger Junge konnte ich das nicht. Es war ein guter Anfang für die deutsche Nation. Für die Schweiz hat die WM sehr viel gebracht – für die Zuschauerzahlen und die ganze Organisation. Mein Verein, der BSC Young Boys, erhielt durch die Weltmeisterschaft ein neues Stadion.

 

… über die Bedeutung des Fußballs für ihr Leben:

Klamroth: Fußball deckt alle Emotionen des Lebens ab, Freude, Liebe, Wut, manchmal Hass, Verlust, Trauer. In den allermeisten Fällen aber nur Positives.Es ist ein Sport, der Gesellschaften zusammenbringen kann und uns alle durch das Leben begleitet. Der Fußball hat mich extrem beeinflusst.

 

Minder: Als Jungen haben wir auf der Straße gespielt. Wir waren dann die berühmten Spieler von damals, Fritz Walter oder Ferenc Puskás.Das hat uns geprägt. Ich bin 35 Jahre bei den Young Boys Bern tätig. Das Größte war, als wir Meister wurden, nachdem der Verein 32 Jahre darauf gewartet hatte.

 

…über das Verhältnis zu den Helden von Bern:

Minder: Wir mussten bei den Zuschauern die Bälle holen. Meistens haben wir den Torhütern den Ball gegeben. Die letzten fünf Minuten mussten wir zum Eingang und beim Schlusspfiff in die Garderobe gehen. Sie hatten Angst um uns.Nur der Größte von uns durfte bleiben, er konnte den Regenschirm bei der Pokalübergabe halten.

 

Klamroth: Ich durfte bei den Dreharbeiten zum Film relativ schnell Spieler von damals treffen und habe mit ihnen gekickt. Ich habe mit Horst Eckel Bälle hin und her geschossen. Die Spieler haben mir von 1954 erzählt und dann näherst du dich den Ereignissen sehr schnell. Die Leute, die auf dem Platz standen, hatten natürlich ihre ganz eigene Erzählung, was da passiert ist und wie es passiert ist.

 

Die ganze Podcast-Episode steht hier zum Nachhören zur Verfügung: www.dfb-stiftungen.de/podcast