Leuchtturm / DFB-Kulturstiftung
Orte der Erinnerung
Auch im Fußball gewinnt die Erinnerungskultur zunehmend an Bedeutung. Zur Europameisterschaft lud die DFB-Kulturstiftung gemeinsam mit NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorten in ganz Deutschland europäische Fans zum Gedenken und Lernen aus der Geschichte ein.
Was für eine Begeisterung, was für ein Fest! Seit dem Anpfiff der UEFA EURO 2024 gehen die Bilder der feiernden Fans in Dortmund, Leipzig, Berlin und den anderen »Host Cities« um die Welt. Rund um die Stadien und in den Fanzonen herrscht Partystimmung. Niederländische Fans schwappen musikalisch orchestriert in orangefarbenen Wellen von links nach rechts (»naar links … naar rechts«). Die sympathischen schottischen Anhängerinnen und Anhänger erobern die deutschen Herzen so nachhaltig, dass eine Online-Petition viral geht, in der sich die Fans des Teams von Julian Nagelsmann jedes Jahr ein Länderspiel gegen Schottland wünschen.
Was in den medial geteilten Partybildern kaum zu sehen ist, sind die stillen Orte und Momente des europäischen Fußballfests. Abseits der EURO-Spiele nutzen Fans ihre Zeit zum Kennenlernen von Land und Leuten, Städten und Kultur. Dass dabei auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert und ihrer Opfer gedacht wird, passt nicht ins Klischee des biertrinkenden Schlachtenbummlers. Aber genau hier setzt das von der DFB-Kulturstiftung ins Leben gerufene Projekt »Fußball und Erinnerung« an.
Ausstellungen, Workshops und Führungen: Mehr als 100 bundesweite Veranstaltungen
Ein Jahr vor Turnierbeginn begann die Stiftung zusammen mit der gemeinnützigen Gesellschaft what matters projects und dem World Jewish Congress (WJC), ein bundesweites Netzwerk von NS-Gedenkorten zu knüpfen. Ziel war es, während der EURO für nationale wie internationale Besucherinnen und Besucher spezielle, auf ihr Fußballinteresse zugeschnittene Angebote zu schaffen. Mit Erfolg: »Wir waren von der Zahl und der Vielfalt der Angebote extrem positiv überrascht«, erläutert Olliver Tietz, Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung. »Obwohl es in Gedenkstätten wie in Dachau, Neuengamme oder der Wewelsburg seit vielen Jahren Erfahrungen in der Arbeit mit Fußballfans und -vereinen gibt, und die Europameisterschaft natürlich einen attraktiven öffentlichen Rahmen setzt, haben wir nicht mit dieser großen Beteiligung gerechnet.«
Als das Veranstaltungsprogramm im April 2024 auf der eigens eingerichteten englisch- und deutschsprachigen Website https://footballandremembrance.com veröffentlicht wird, sind über 100 Ausstellungen, Workshops, Vorträge oder Führungen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus verzeichnet. Mehr als 20 Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Museen im Umfeld der zehn Spielorte wenden sich mit ganz unterschiedlichen Inhalten und Angeboten an die Fußballfans. Das Projekt nutzt die Möglichkeit, am Beispiel des Sports auf die Geschichte der Konzentrations- und Zwangsarbeitslager zu blicken, die verwobene Geschichte von Sportstätten und Orten der nationalsozialistischen Verfolgung kennenzulernen, und mehr über das Leben und Leiden verfolgter Sportlerinnen und Sportler zu erfahren. Denn so selbstverständlich die milliardenfach geteilten Bilder von feiernden Menschen aus allen Teilen Europas heute scheinen – die Erinnerungsarbeit an die Gräueltaten der Nationalsozialisten ist und bleibt wichtig. Vor nur drei Generationen waren Millionen Bürgerinnen und Bürger als Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oder als Gefangene der Konzentrationslager in Nazi-Deutschland inhaftiert.
»Über das Medium Fußball können Menschen über die historische Bildung für gesellschaftspolitische Themen erreicht und sensibilisiert werden.«
Olliver Tietz, Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung
Dazu kann und sollte auch der Fußball mit seinem unbestrittenen völkerverbindenden Potenzial einen Beitrag leisten.
Maram Stern, geschäftsführender Vizepräsident des WJC, sieht im Projekt eine besondere Chance: »Fast 80 Jahre nach Kriegsende müssen wir neue Wege finden, um die anhaltende Relevanz der Erinnerung an dieses Verbrechen bewusst zu machen. Diese Wege müssen dahinführen, Anknüpfungspunkte an den Alltag der Menschen zu finden, um ihr Interesse für die Geschichte des Nationalsozialismus zu wecken. Der Sport bietet hierfür außergewöhnliche Möglichkeiten. Jüdinnen und Juden werden mit der inhaltlichen Anknüpfung nicht als bloße Opfer des Holocaust präsentiert, sondern als Sportlerinnen und Sportler, als Funktionäre in Vereinen, als Menschen mit Träumen und Leidenschaften, die auch 80 Jahre später nachvollzogen werden können.«
Für die DFB-Kulturstiftung ist »Fußball und Erinnerung« die konsequente Weiterentwicklung ihres langjährigen Engagements bei den Fußball-Europameisterschaften. Zur UEFA EURO 2012 in Polen und der Ukraine führte sie mithilfe eines Gedenkstättenführers deutsche Fans durch die Erinnerungsorte von Auschwitz bis Babyn Jar. Bei der UEFA EURO 2016 in Frankreich fanden am Tag des Auftaktspiels des deutschen Teams in Lille Veranstaltungen im nahegelegenen Widerstandsmuseum Bondues statt. Und zur UEFA EURO 2024 initiiert die DFB-Kulturstiftung nicht nur das Projekt »Fußball und Erinnerung«, sondern fördert durch ihre Tochtergesellschaft »Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024« weitere Beiträge zur Erinnerungskultur. Beispielsweise dokumentiert die Ausstellung »Sport.Masse.Macht« im Sportmuseum Berlin, wie die Nazis den Fußball zur Stabilisierung ihrer Macht manipulierten und welche vernichtenden Auswirkungen ihre Verbrechen auf jüdische Sportlerinnen und Sportler sowie Sportvereine hatten. Nicht zu kurz kommt dabei die heutige Rolle des Sports bei der Bekämpfung von Diskriminierung und Antisemitismus: »Über das Medium Fußball können Menschen über die historische Bildung für gesellschaftspolitische Themen erreicht und sensibilisiert werden«, so Olliver Tietz. »Im Kern geht es darum, einen Weg zu den eigenen Erfahrungen und dem konkreten Umgang mit Diskriminierung im Alltag zu zeigen.«
»Abseits der EURO-Spiele nutzen Fans ihre Zeit zum Kennenlernen von Land und Leuten, Städten und Kultur. Dass dabei auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert und ihrer Opfer gedacht wird, passt nicht ins Klischee des biertrinkenden Schlachtenbummlers.«
»Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!« – Gedenken in Dachau und Bergen-Belsen
Eine lange Erfahrung in dieser Arbeit hat die KZ-Gedenkstätte Dachau, wo seit der FIFA WM 2006 regelmäßig Führungen mit Fußballfans stattfinden. Am Tag nach dem Eröffnungsspiel im nahegelegenen Münchner EURO-Stadion finden sich am 15. Juni auf Einladung der Initiative »!NieWieder« und der Evangelischen Versöhnungskirche rund 40 Personen gemischten Alters zum »Internationalen Tag der Freundschaft, der Begegnung und des Erinnerns« zusammen. Begleitet von zwei Dudelsackspielern in traditionellem schottischen Beinkleid und dunkelblauem Trikot bekommt die bunt gemischte Gruppe aus Schottland, Israel, der Ukraine, Slowenien und Deutschland eine deutsch- oder englischsprachige Ausstellungsführung durch die Gedenkstätte. Von den Nationalsozialisten im März 1933 zur Inhaftierung von »politischen Gefangenen«, also Gegnern des NS-Regimes, eingerichtet und am 29. April 1945 von der US-Armee befreit, ist Dachau das am längsten betriebene Konzentrationslager des NS-Staats. Was viele Teilnehmende während des rund zweistündigen Rundgangs erfahren: Auch an diesem Ort des Grauens und der Folter wurde Fußball gespielt – aus Propagandagründen, zur Stärkung der Arbeitsmoral und zur innerlichen Flucht aus dem grausamen, vom unvorstellbaren Sadismus des Lagerpersonals geprägten Alltag. Die große Bedeutung des Fußballs für viele Gefangene zeigt unter anderem ein von Häftlingen gedrechselter hölzerner Fußballpokal, der in der Dauerausstellung zu sehen ist.
Unter ihnen befanden sich nämlich auch viele aktive und ehemalige Fußballer. Der prominenteste ist sicher Kurt Landauer. Der Präsident des FC Bayern München, der den deutschen Rekordmeister 1932 – wenige Monate vor der Machtübertragung an Hitlers NSDAP 1933 – zum ersten Titelgewinn seiner Vereinsgeschichte führte, wurde nach der Reichspogromnacht 1938 für 33 Tage ins KZ Dachau verschleppt. In den Erinnerungen eines Mitgefangenen soll sich der in Baracke 8 inhaftierte Landauer beim täglichen Morgenappell stets schützend vor ältere oder kranke Gefangene gestellt haben, um sie vor Schlägen und Misshandlungen zu bewahren. 1939 gelang ihm, gerade noch rechtzeitig, die Flucht ins Schweizer Exil. Vier seiner Geschwister wurden von den Nazis ermordet.
Nach der Führung und einem Gespräch mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen legt die Gruppe in Erinnerung an die Opfer einen Kranz am Internationalen Mahnmal von Nandor Glid nieder. Dort spricht der Vorsitzende des FC Bayern-Fanclubs in Tel Aviv über die aktuelle Situation in seinem Land. Auch die Ukrainerin Vera, deren Großvater Häftling in Dachau war, schildert an diesem Ort, welches Leid der Krieg über ihre Landsfrauen und -männer gebracht hat. Zum Abschluss zitiert Franzi Sessler, Enkelin einer Überlebenden, die programmatisch formulierten Worte der Häftlinge von Dachau vom Tag ihrer Befreiung am 29. April 1945: »Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!«
Zwei Tage später, am 17. Juni, besucht eine Gruppe englischer Fans am Tag nach dem 1:0-Sieg ihres Teams in Gelsenkirchen gegen Serbien die drei Stunden entfernte Gedenkstätte Bergen-Belsen. Begleitet von Vertreterinnen und Vertretern der Football Association (FA), Lord John Mann, Mitglied des House of Lords und Berater der britischen Regierung zu Antisemitismus, sowie Mitgliedern des WJC bekommen sie eine Führung durch jenes Lager, das als einziges noch im Betrieb befindliches und nicht vorab von den Tätern geräumtes Konzentrationslager am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit wurde. Nur wenige Wochen nachdem Margot und Anne Frank hier den Tod fanden.
Während des Rundgangs durch die Ausstellung und über die Freiflächen des weitläufigen Lagers erfahren die Teilnehmenden, wie aus dem 1940 ursprünglich als Kriegsgefangenenlager eingerichteten Ort, an dem rund 50.000 Sowjetsoldaten ums Leben kamen, ab 1943 ein Konzentrationslager wurde. Als der Vizepräsident des Board of Deputies of British Jews, Andrew Gilbert, am Obeliskendenkmal das »Kaddisch«, das jüdische Gebet im Gedenken an die Opfer, liest, erschließt sich eine Dimension des gemeinsamen Erinnerns, die weit über den Anlass der UEFA EURO 2024 hinausgeht: Hier sind Menschen im Gedenken verbunden – und gleichzeitig in der gemeinsamen Entschlossenheit, Europa trotz aller Herausforderungen nie wieder dem Wahnsinn nationalistischer und faschistischer Ideologien zu überlassen. Auch dieses Bild der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland sollte neben den vielen weiteren positiven Eindrücken des Sommers 2024 in Erinnerung bleiben und immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden.