Interview
Demokratie ist kein Erbgut
Seit 2000 ist Thomas Krüger Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Der gelernte Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung und studierte Theologe begann seine politische Karriere 1989 als eines der Gründungsmitglieder der Sozialdemokraten in der DDR. 1990/91 war er erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters in Ost-Berlin, später Senator für Jugend und Familie und Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit zehn Jahren ist der leidenschaftliche Fußballanhänger Kurator der DFB-Kulturstiftung. Im Gespräch mit den DFB-Stiftungen spricht Thomas Krüger über Sport und Politik, die Rolle des Fußballs und der Stiftungen in der politischen Bildung sowie aktuelle Herausforderungen für die Demokratie.
Herr Krüger, was verbindet Sie persönlich mit dem Fußball und wollen Sie uns Ihren Lieblingsverein verraten?
Ich erinnere mich, wie ich als 11-Jähriger am Preisausschreiben eines Knäckebrot-Herstellers im Westfernsehen teilnehmen wollte, weil mein Held Uwe Seeler ein Büchlein unter dem Titel »Wie man einen guten Fußball spielt« auslobte. Ich habe meine Großmutter angefleht, für mich teilzunehmen, da das aus der DDR schlecht ging. Sie ist dann dem Knäckebrot-Produzenten so was von auf den Keks gegangen, bis das Buch erst zu ihr und dann unter der Bluse an den DDR-Grenzern vorbei zu mir kam. Auch wenn ich nicht in Berlin geboren wurde, bin ich seit 1976 treuer Fan des 1. FC Union Berlin. Ich begleite die Eisernen durch dick und dünn, erlebte schmerzliche Abstiege und begeisterte Aufstiege und war bei den legendären Ortsderbys im Stadion der Weltjugend gegen den BFC Dynamo, nur wenige Dutzend Meter von der Grenze zum Wedding entfernt. In einem Derby warteten die Unioner auf den ersten Freistoß gegen den BFC und stimmten dann an: »Die Mauer muss weg.« Klar, Fußballfans sind auch politisch. Bis heute.
Die UEFA EURO 2024 unter dem Motto »United by Football« sollte auch Zeichen für Menschenrechte und die freiheitlich-demokratischen Grundwerte setzen. Übernimmt sich der Sport mit derartigen Ansprüchen?
Ich halte es für absolut wichtig, dass Sportereignisse wie die UEFA EURO 2024 auch eine Plattform bieten, um über Werte wie Menschenrechte und Demokratie nachzudenken. Sport hat eine enorme Reichweite und einen nachhaltigen Einfluss, gerade auf junge Menschen, und kann somit zur Förderung von Toleranz und gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen. Natürlich muss der Sport im Mittelpunkt stehen und darf nicht instrumentalisiert werden. Die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen an autoritäre Staaten sollte nicht rundheraus verdammt werden, denn auch die OECD-Staaten sind nicht in jeder Hinsicht demokratische Musterknaben. Wichtig bleibt die olympische Idee, dass Sport Systemunterschiede und Kulturen überbrücken und Werte vermitteln kann. Aber natürlich bleibt ein Widerspruch zwischen dem Anspruch, Werte durch Sport zu vermitteln, und Ausrichterstaaten, die diese Werte im Alltag mit Füßen treten.
»Sportvereine sind oft die einzigen und letzten Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Stellung und Altersgruppen regelmäßig zusammenkommen.«
Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Reichweite und ihrer partizipativen Struktur – auch und gerade im zuletzt viel diskutierten »ländlichen Raum« – gelten Sportvereine als wichtige Orte der Demokratieförderung. Teilen Sie diese Auffassung?
Ja, natürlich. Sportvereine, vor allem im ländlichen Raum, sind oft die einzigen und letzten Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Stellung und Altersgruppen regelmäßig zusammenkommen. Dies bietet enorme Chancen für einen nachbarschaftlichen Umgang und ein faires und solidarisches Miteinander. Wenn wir über Gemeinschaft, Respekt und Fairness sprechen, werden Sportvereine implizit zu demokratischen Orten, um diese Werte zu vermitteln und zu leben. Ganz grundsätzlich stehen die Vereine im sportlichen Alltag aktuell vor einer großen Herausforderung, dass ihre Mitglieder als Querschnitt der Gesellschaft auch die Wählerinnen und Wähler einer größtenteils rechtsextremistischen Partei umfassen, die in Umfragen je nach Region zwischen 15 und 35 Prozent Zustimmung erhält. An den Sport wird, ebenso wie an die politische Bildung, oft herangetragen, sie müssten »politisch neutral« sein. Doch dem liegt ein kapitaler Irrtum zugrunde. Wir sind nicht neutral, sondern stehen normativ für die Werte des Grundgesetzes ein. Gegenüber den Grundwerten der Demokratie, die sich in großen Teilen mit denen des Sports überschneiden, dürfen wir nicht neutral sein. Wer demokratische Verfahren ablehnt oder sich zum Beispiel rassistisch äußert, dem oder der muss weder in der politischen Bildung noch im Sport eine Bühne geboten werden. Im Gegenteil! Und hier kann vom Regelwerk des Fußballs gelernt werden: Da hat jeder Schiri die Rote Karte zu ziehen.
Welche Herausforderungen im Hinblick auf die Demokratie erleben wir gerade in Deutschland?
In unserem Land wächst die Zahl derer, die Demokratie und Menschenwürde verächtlich machen oder nur für einen exklusiven Teil der Gesellschaft in Anspruch nehmen wollen. Dabei verspricht Demokratie doch, dass man ungestraft verschiedener Auffassung sein darf. Dafür braucht es Räume und Engagement. Und die bietet der Fußball und der Sport – auch wenn er keine unschuldige Zone ist. Aber trotz der Konflikte und Probleme stehen die Verantwortlichen und Ehrenamtlichen für demokratische Werte. Das ist ein wichtiges Zeichen gegen die wachsenden autoritären Einstellungen, sei es durch politische, soziale oder kulturelle Themen. Gleichzeitig erleben wir ein wachsendes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen. Diese Herausforderungen erfordern es, dass wir uns verstärkt mit der Förderung von politischer Bildung und einer starken, inklusiven Demokratie auseinandersetzen. Politische Bildung darf kein Privileg sein; sie ist ein Gemeingut, das jeder und jedem zusteht.
Welche Rolle spielt Sport in der Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung?
Demokratie ist kein Erbgut, das sich automatisch von einer in die nächste Generation überträgt. Sie muss sich dem Wettbewerb stellen, muss jeden Tag erstritten und verteidigt werden. Diesen Wettbewerbsgedanken kennt der Sport nur allzu gut. Wie die Demokratie braucht der Sport Regeln und diese Regeln basieren auf einer bestimmten Wertebasis. In gewisser Weise kann man also von verwandtschaftlichen Bezügen sprechen. Sport erschließt Zugänge zu politischen Fragen und zeigt politische Dimensionen auf. Die bpb arbeitet seit Langem auch mit der DFB-Kulturstiftung zusammen und hat gemeinsam verschiedene Publikationen und Materialien herausgegeben. Im Sommer 2025 kooperieren wir mit der DFB-Stiftung Egidius Braun bei den Fußball-Ferien-Freizeiten. Also: Fußball und politische Bildung passen sehr gut zusammen.
Apropos Fußball-Ferien-Freizeiten: Diese befassen sich im Jahr 2025 mit »Demokratie«. Wie können die DFB-Stiftungen mit ihren verschiedenen sozialen, gesellschaftspolitischen und kulturellen Schwerpunkten zur politischen Bildung beitragen?
Die DFB-Stiftungen haben durch ihre breiten gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten und Verankerungen die Möglichkeit, Werte wie Demokratie, Geschichtsbewusstsein, Toleranz und Respekt in verschiedenen Kontexten zu vermitteln. Durch seine Popularität kann Fußball wichtige demokratische Werte wie Teamgeist, Fairness und Respekt fördern, als Katalysator für politische und gesellschaftliche Diskussionen dienen, Vorurteile bearbeiten und dazu beitragen, differenziertere Urteile zu treffen. Seine Reichweite und Nähe zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen machen ihn zu einer einzigartigen Plattform, um Brücken in der Gesellschaft zu bauen, die wir in herausfordernden Zeiten so dringend benötigen. Die Fußball-Ferien-Freizeiten sind sehr spannende und für die jungen Fußballbegeisterten attraktive Lernorte für viele Themen der politischen Bildung. Dass wir 2025 hier erstmals mit der DFB-Stiftung Egidius Braun zusammenarbeiten, unsere Kompetenzen bündeln und vielleicht voneinander lernen werden, freut mich besonders.
»Gegenüber den Grundwerten der Demokratie, die sich mit denen des Sports in großen Teilen überschneiden, dürfen wir nicht neutral sein.«
Sie engagieren sich seit vielen Jahren als Kurator der DFB-Kulturstiftung. Wie blicken Sie auf die Arbeit der Kulturstiftung, aber auch auf die drei DFB-Stiftungen insgesamt?
Die Arbeit der DFB-Stiftungen, insbesondere der DFB-Kulturstiftung, ist sehr wertvoll, da sie nicht nur den Fußball als Sport, sondern auch die damit verbundenen kulturellen und gesellschaftlichen Werte fördert. Die Arbeit im Kuratorium ist ein echtes Highlight in meinem Job. Ich treffe hier auf Dichter, Denker und Fußballlenker, Politikerinnen, die Augsburg-Fans sind, Fußballerinnen und ehemalige Staatssekretäre, echte elf Freunde, eine bunte Truppe und spannende Diskussionen, bei der die Leidenschaft für den Fußball immer zu spüren ist.
Im Januar 2025 feierte der DFB das 125-jährige Verbandsjubiläum an seinem Gründungsort Leipzig, wo 1990 auch die Wiedervereinigung des ost- und westdeutschen Fußballs stattfand. Wie blicken Sie als früherer Bürgerrechtler und Politiker auf die Wiedervereinigung?
Die Wiedervereinigung war ein großes Geschenk auch für den Fußball in Ost und West. Aber man darf sich nicht in die Tasche lügen. Die Asymmetrie bleibt sichtbar. Mit dem 1. FC Union ist nur ein klassischer Oberliga-Klub in der Bundesliga. Fußball hat eben auch eine ökonomische Seite. Vielleicht sollte man aber nicht nur ein Blick auf die Vereine werfen, denn es gibt großartige Fußballerinnen und Fußballer mit ostdeutschen Wurzeln, die den deutschen Fußball schon seit Jahrzehnten prägen. Sie zeigen, welches Geschenk die deutsche Einheit für den Fußball ist und bleiben wird.